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Weihnachten im Maßregelvollzug


chris
Beiträge: 8
Admin
Themenstarter
(@chris)
Mitglied
Beigetreten: Vor 11 Monaten

Weihnachten in der Psychiatrie im Maßregelvollzug

Kapitel 36

(64er: Ab in die Psychiatrie von Chris Crumb)

Weihnachten in der Psychiatrie

Überall Weihnachtsstimmung. Weihnachten hier, Weihnachten da. Ich könnte kotzen, echt. Ich hätte mir nichts schöneres als Weihnachten in der Psychiatrie vorstellen können. Seit einigen Wochen kam immer wieder der Grinch in mir zum Vorschein. Es fing an, mit dem Basteln von Weihnachtsdeko und mit Schmücken der Station mit irgendwelchem weihnachtlichen Schnickschnack. Ich hab auch nie versucht, es mir nicht anmerken zu lassen, was ich vom diesjährigen Weihnachten halte. Nichts! Letztes Jahr durfte ich Weihnachten wenigstens im Kreis der Familie verbringen. Wenn auch nur für neun Stunden, aber immerhin. Dieses Jahr wurde mir kein Ausgang gewährt, obwohl mir seelisch sehr viel daran gelegen hätte. Denn wahrscheinlich ist es das letzte Weihnachten mit meiner Großmutter. Auf jeden Fall ist heute Heiligabend und anstatt mit meiner Familie, verbringe ich ihn mit 29 anderen Patienten auf der geschlossenen Station.

Mittags war ich noch einkaufen, aber im Gegensatz zu den letzten Jahren war heute mindestens fünf mal so viel in den Geschäften los. Das waren noch Zeiten als man kurz vor 14 Uhr in ein Geschäft ging und fast der einzige Kunde war. Keine Wartezeiten an den Kassen, die Auswahl fiel einem auch nicht schwer, weil fast nichts mehr in den Regalen stand. Nicht dieses Jahr. Anscheinend sind die Menschen auf den Geschmack von „Last -minute Weihnachtsshopping“ gekommen. Auf jeden Fall musste ich an der Kasse eine knappe halbe Stunde warten, bis ich endlich an die Reihe kam. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, mich nächstes Jahr auf den Onlinehandel zu fixieren. Nach dem Einkaufen ging ich eine kurze Runde spazieren und hab meiner Familie und meinen Leuten telefonisch Frohe Weihnachten gewünscht. Am Nachmittag schauten wir ganz entspannt eine DVD und anschließend gab es ein richtig leckeres drei Gänge Menü. Seit drei Tagen stehen einige freiwillige Patienten in der Küche und bereiteten alles vor. Wir hatten 500 Euro Budget für Weihnachten und Silvester, das wir auf den Kopf hauen konnten. Also haben wir es uns zumindest kulinarisch richtig gut gehen lassen. Es gab eine leckere Suppe mit Spätzle als Vorspeise, als Hauptgang Ente mit zwei verschiedenen Krautsorten, selbstgemachte böhmische Knödel und feine Soße. Als Nachspeise gab es Vanilleeis mit Ananas und selbstgemachter Erdbeersauce. Dann wieder DVD.

Die Stimmung auf der Station war friedlich und harmonisch wie eigentlich immer. Zumindest in die Richtung war es letztendlich doch noch ein recht besinnlicher Heiligabend. Dafür, dass wir in der Psychiatrie waren. Nächstes Jahr werde ich den Heiligabend hoffentlich wieder in Freiheit verbringen und im Rahmen meiner Familie genießen können. Am ersten Weihnachtsfeiertag bekam ich Besuch von einer Freundin. So verging der Nachmittag recht zügig. Auch das Essen war sehr abwechslungsreich. Es gab wieder Ente. Super, darauf habe ich mich schon das ganze Jahr gefreut. Aber Ironie beiseite. Der zweite Weihnachtsfeiertag war auch entspannt. Ich habe es letztendlich doch noch geschafft dem Großteil von meinen Freunden und Bekannten „Frohe Weihnachten“ zu wünschen. Wie auch die letzten beiden Tage gab es am Essen nichts zu bemängeln. Es gab Wildgulasch und am Abend drei verschiedene Torten, die zwei Patienten konditormäßig hingezaubert hatten. Ich habe in den drei Tagen bestimmt 2 Kilo zugenommen. Draußen hätte ich das am zweiten Weihnachtsfeiertag wieder abtrainiert, weil ich den ganzen Tag mit irgendeiner heißen Frau im Bett verbracht hätte, die ich irgendwo abgeschleppt habe. Traditionsgemäß wie sonst auch immer, wenn ich keine feste Beziehung hatte. Heiligabend und der erste Feiertag waren immer für die Familie reserviert, der zweite für Zwischenmenschlichkeiten und (Be)Sinnlichkeit. In einer Beziehung war das kaum möglich, weil immer noch Kinder mit im Spiel waren und wir erst am Abend zu ungestörter Zweisamkeit kamen. Aber als Single, kein Problem. Als Single in der Forensik allerdings, großes Problem.

Das nächste Ziel: Silvester und das alte Jahr hinter mir lassen. Zum Abschluss des Jahres wurde ich dann wieder auf die offene Station verlegt. Neues Jahr, neues Glück.

(Textauszug aus “64er: Ab in die Psychiatrie” von Chris Crumb. Erhältlich bei Amazon. Weitere Informationen zum Buch gibt es hier.)

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